Fasnet in Aulendorf – Häsrichten

Wenn am 6. Januar die schwäbisch-alemannische Fasnet beginnt, ist das in vielen Narrenorten der Tag des „G’schellabstauben“, „Häsentmotten“ oder ähnlichen Veranstaltungen die besagen, dass es Zeit wird, Masken und Häser für die närrische Zeit aus Kästen und Truhen zu holen und für die närrische Zeit herzurichten. In Aulendorf geschieht dies drei Wochen vor dem Fasnetssamstag mit dem „Fasnets-Häs-Herrichten“, heute meist kurz „Häsrichten“ genannt. Dieser Abend, wie wir ihn seit über 50 Jahren kennen, hatte als „Vorgänger“ die „Erste Narrensitzung“, bei der (auch schon vor Gründung der heutigen Narrenzunft) Narrenräte und bis 1951 der Prinz Carneval gewählt wurden. Programme und das Fasnetsmotto wurden mit närrischen Reden entworfen und so entwickelte sich das Häsrichten, das zum Auftakt des zeitlichen Ablaufes unseres Fasnetsbrauchtums wurde.

 

Verbannungsort 1960

Verbannungsort 1960

Nach elf Gongschlägen erscheint unter Sturmgeheul und bei Geistermusik der Maskenmeister, der ja in der Nacht zum Aschermittwoch die Masken für ein Jahr verbannte. An diesem Abend werden die Originalmasken wohl noch nicht befreit, aber der Maskenmeister bietet einen Blick auf den Verbannungsort an mit den Worten:

 

„Ich führ‘ Euch jetzt durch dunkle und geheime Gassen
An den Verbannungsort der Aulendorfer Masken.
Dort, wo sie warten und sich richten auf die Stunde,
Wenn man sie ruft zum Feuerzauber in die Runde….“

 

 

und heute

und heute

Er fordert die Öffnung des Zauberberges, der Bühnenvorhang öffnet sich und gibt den Blick frei auf die Aulendorfer Originalmasken, die ihre Häser und Utensilien richten für den Zeitpunkt, an dem sie beim Hexeneck wieder beschworen werden. Die Masken werden aufgefordert, sich zu rüsten für die närrische Zeit und wenn sie sich – verärgert über den harten Bann, dersie zur Ruhe zwingt – ins Dunkel zurückziehen, verspricht ihnen der Maskenmeister, dass er in Bälde wieder mit Schwur und Feuerzauber ihren Bann bricht.

 

 

 

 

Häsrichten 2001

Häsrichten 2001

Auf den zweiten Teil des Abends sind die Aulendorfer Bürger schon seit Wochen gespannt. Die „Häsrichter“ kommen. Das sind Narren, die das ganze Jahr Augen und Ohren aufhalten, damit ihnen ja nichts entgeht, was den Bürgern oder der Verwaltung alles närrisches passiert, welchen Fauxpas sie sich leisten oder welche gescheiten, supergescheiten oder saudummen Sprüche sie von sich geben. Auch das Rügerecht der Narren wird von den Häsrichtern in Anspruch genommen.

 

 

 

 

 

 

Häsrichten 2002

Häsrichten 2002

Im Laufe der Jahre ist es unseren Bürgern zum größten Teil bewusst geworden, dass es eine Ehre ist, von den Häsrichtern erwähnt zu werden, auch wenn oft Dinge erzählt werden, die der Betroffene lieber unter den Teppich gekehrt hätte. Passiert etwas im Städtchen ist es ein stehender Ausdruck geworden: “Des  g’hört ins Häsrichte!“ Natürlich gehört viel Fingerspitzengefühl dazu, dass die notwendigen Grenzen eingehalten werden.

 

 

 

 

 

 

Denn schon in der Proklamation der Narrenfreiheit wird festgehalten:
„Es sei frei, was im vergangenen Jahr nit gesprochen werden durfte und was nicht gesagt werden konnte, aber es sei nur dann frei, wenn es nit böse verletzet oder beleidigt!“

 

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