Vom Fasnetsmuffel zum Zunftmeister

Klaus und Helga Wekenmann blicken auf die Geschichte der Narrenzunft Aulendorf zurück

Klaus und Helga Wekenmann erzählen, weshalb er ohne sie wohl niemals Ehrenzunftmeister der Aulendorfer Narrenzunft geworden wäre.

 Mit dem Jahresende geht auch das Jubiläumsjahr der Aulendorfer Narrenzunft zu Ende, die heuer gleich dreifach zu feiern hatte: Vor 340 Jahren, im Jahr 1679, gewährten die Grafen zu Königsegg-Aulendorf den Aulendorfern einen narrenfreien Tag, vor 80 Jahren, 1939, gab es den ersten Narrenzug in der Stadt und vor 70 Jahren, 1949, gründete sich die Aulendorfer Narrenzunft als Verein. Wer wissen will,  was in diesen 70 Jahren so alles geschehen ist, kann in Archiven und Chroniken nachlesen – oder sich mit Klaus und Helga Wekenmann unterhalten und dabei ganz persönliche Erinnerungen, aber auch fast vergessene Erklärungen erzählt bekommen. Bei der Gründung der Zunft waren die beiden freilich nicht dabei, waren sie doch noch Kinder. Klaus Wekenmann als gebürtiger Ravensburger kam ohnehin erst 1965 als Postler nach Aulendorf und hatte seinerzeit noch „gar keine Ahnung von der Fasnet“. Dass er später Zunftmeister, 38 Jahre lang Maskenmeister und zwischendurch sogar einmal Burggraf sein würde – damals unvorstellbar, er wollte eigentlich gar nicht lange bleiben. Und auch die erste Begegnung mit der Aulendorfer Fasnet stellt noch keine Weichen; 1966 ist er in der Stadthalle dabei. „Ich habe damit nichts anfangen können“, erinnert sich der 76-Jährige. Im Jahr darauf allerdings lädt ihn Helga zum Zunftball ein, „das war gleich was ganz anderes“, sagt Wekenmann und lacht.

Helga Wekenmann kam schon als Kind zur Aulendorfer Zunft und bekam mit 14 Jahren, dem Mindestalter, eine Fetzles-Maske. Sie bewahrt sie noch heute auf. „Damals gab es von der Volksbank noch einen Maskenkredit“, erinnert sich die 81-Jährige. Die abzustotternden fünf Euro im Monat ermöglichten es auch jungen Leuten, sich eine Maske leisten zu können. Als sie ihren Mann kennenlernt, ist sie Hofnärrin und bringt ihm das Brauchtum näher. Klaus Wekenmann wird schon auf die Fasnet 1968 hin schnell Zunftrat, „weil man mich als Hofnärrin halten wollte“, sagt sie. Weil der Jungzunftrat im selben Jahr im Zunftrat aufging, sagt er. Sicher ist, seither ist Klaus Wekenmann in der Zunft aktiv.

Über die Jahre haben sich eineinhalb Meter DIN-A5-Ringbuchordner angesammelt, in denen Wekenmanns Fotos und Erinnerungen aufbewahren. Etwa die Speisekarte zur Feier von 333-Jahren narrenfreier Tag. Das Thema gab das historische Original vor: In der Erlaubnis habe es 1679 schon geheißen, „ein Hafen Linsen und ettliche bereite Hühner lassen ganz wohl leben“, erzählt Klaus Wekenmann. Aber auch Bilder von Ausflügen der Aulendorfer Narren nach Bad Waldsee finden sich dort.

2012 feierte die Narrenzunft 333 Jahre Narrenfreiheit in Aulendorf – die Torte wurde nach einigem zögern dann doch aufgeschnitten.

2007 feierte die Narrenzunft 55 Jahre Narrenmarsch. Erfunden hat ihn 1952 Franz Bauer, der, wie viele Zunfträte, Lehrer war.

„Wir haben uns in den letzten 50 Jahren bemüht, eine gute Verbindung herzustellen. Das ist uns, glaube ich, auch gelungen“, sagt Wekenmann und freut sich, dass die nächste Generation das übernommen habe; Jungzunftrat und der Waldseer Jungelferrat würden beispielsweise einmal im Jahr gemeinsam feiern. Immerhin würden die beiden Zünfte zusammengerechnet rund zehn Prozent der Maskenträger in der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte vertreten. Der Ursprung der Verbindung liegt indes in Bad Canstatt. 1968 weilten Wekenmanns dort zum großen Narrentreffen, als sie nachts Musik zu einer Gaststätte lockte, die sie zwecks „geschlossener Gesellschaft“ aber nicht betreten durften. Der damalige Waldseer Zunftmeister Gebhard Graf von Waldburg zu Wolfegg und Waldsee habe die Szene mitbekommen
und ihnen Einlass verschafft, dann habe man die ganze Nacht mit den Waldseern zusammen gefeiert.

Was auf sehr vielen Bildern auftaucht und aus dem heutigen Bild der Aulendorfer Fasnet auch bei den Zuschauern nicht mehr wegzudenken ist, ist der bunte Schal in den Farben des Kopftuchs der Eckhexen der Aulendorfer. Den ersten dieser Schals indes strickte Helga Wekenmann 1975, das Jahr, in dem der damalige Zunftmeister Waldemar Münst so erkältet war, „dass er nur noch gekrächzt hat“, erinnert sie sich, weshalb sie ihm zum 11.11. den Schal schenkte. Ein paar Jahre später strickte sie auch dem damaligen stellvertretenden Zunftmeister Hartmut Sczech solch einen bunten Halswärmer, und weil das so geschickt gewesen sei, hätten auch andere Zunfträte sich einen gewünscht. „Am Schluss wollte jeder einen Schal“, erklärt Wekenmann, wie die bunte Schalstrickerei in Aulendorf um sich griff – und spätestens seit so ziemlich jeder Aulendorfer einen solchen Schal habe, sei er akzeptiert, auch wenn er ursprünglich nicht zum Häs gehöre.

Dass die Fasnet nicht nur entstehungsgeschichtlich– als letzte Möglichkeit, vor der nach Aschermittwoch beginnenden Fastenzeit zu feiern – eng mit der katholischen Kirche verbunden ist, sondern auch heute noch Bezüge herstellt, auch davon zeugt Wekenmanns Sammlung. Etwa das Bild, das ihn 2009 zusammen mit Margit Angele an einem Fasnetssonntag bei der Narrenmesse tanzend in der Pfarrkirche St. Martin zeigt; er habe zuvor beim Pfarrball aus dem Alten Testament zitiert, eine lebensfreudige Stelle, in der David die Bundeslade in den Tempel bringt, tanzt und Musik ihn begleitet. Wekenmann äußerte den Wunsch, mehr von solcher Stimmung in der Kirche haben zu wollen, „da sagte Pfarrer Utz: ja, dann tanzt doch“, erinnert er sich und setzte das in der folgenden Narrenmesse prompt um.

Mittlerweile hat Klaus Wekenmann sich darangemacht, einige der Erinnerungen, aber auch Erzählungen älterer Narren aufzuschreiben für die Enkelgeneration. Damit Wissen und Erinnerung zur Geschichte der Aulendorfer Fasnet erhalten bleiben.

Bericht: Schwäbische Zeitung Lokalausgabe Bad Waldsee 31.12.2019
Text: Paulina Stumm
Foto: Paulina Stumm, Narrenzunft Aulendorf

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