Premiere mit dem inklusiven Umzug in Aulendorf

Tausende Narren und Ulkgruppen strömen zwei Stunden lang durch die Stadt

Stürmisches Wetter zog am Sonntagnachmittag über Aulendorf hinweg. Dies hatte den Vorteil, dass es von oben her trocken blieb und so konnte sich die Aulendorfer Narrenzunft auch dieses Jahr wieder über einen sehr starken Zuschauerzustrom freuen. Ein Grund dürfte sicherlich der barrierefreie und inklusive Umzug sein, der schon im Vorfeld der Fasnetsveranstaltung für Schlagzeilen gesorgt hatte.

Zu Gast aus Tettnang: die Hopfennarren

Zum bunten Treiben in der Stadt gehörten auch die rund 30 Gehörlosen die aus ganz Oberschwaben zusammen gekommen waren, um gemeinsam einen Umzug anzuschauen. Wie all die Jahre zuvor wurde das Umzugsgeschehen von Michael Weißenrieder moderiert – eine kurzweilige und informative Moderation, die jetzt zum ersten Mal simultan in die Gebärdensprache übersetzt wurde.

Walter Karg, selber schwerhörig, leitet einen Gehörlosenverein in Friedrichshafen. „Als wir von dem Simultandolmetschen erfahren haben, war das für uns ein willkommenes Angebot, einmal gemeinsam auf einen Fasnetsumzug zu gehen“ erklärt er. Gegenüber der Gruppe stehen auf dem Tribühnenwagen Isolde Drössel und Elli Schob die während des knapp zweistündigen Umzugs unentwegt das Gehörte in die Genärdensprache übersetzen. „Das war ziemlich anstrengend“ erklärt Schob im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“, „denn man muss schnell sein, damit die Gehörlosen zusammen mit den anderen Leuten lachen können, oder rechtzeitig Applaus spenden können“. Für die Narrensprüche und den Aulendorfer Narrenmarsch war etwas Vorbereitung nötig, aber neue Gebärden mussten für die Fasnet nicht erfunden werden. Eine Übersetzung der Narrensprüche brauchte es nicht nur für die heimischen Eckhexen, Fetzle, Schnörkele, Tschore und Rätschen, sondern natürlich auch für die neun Gastzünfte die im Umzugsverlauf für Abwechslung sorgten.

Gäste von überall her kamen nach Aulendorf.

Aus der Nachbarstadt Bad Waldsee grüßten die Narrenzunft mit einem kräftigen AHA, die Altshauser klangen ähnlich aber doch anders, nämlich O-HAAA. Eher als Zungenbrecher gilt das „Schelle, schelle – Schell – au“ aus Wangen und auch beim Stoinabacher „Bobbele, Bobbele – Stoninabach“ gilt es aufzupassen. Ein kurzes knackiges „Kügele – Hoi“ ruft man in Ehingen und mit „Montfort – Jehu“ grüßen die Tettnanger Narren. Die Marbacher Narrenzunft grüßt mit „Fell – Lädsche“, die Bomser rufen „Kellergoischdr“ und in Zollenreute heißt es „Zolli Zolli – Rugg Rugg“. Dem stehen die rund 30 Ulkgruppen in nichts nach, die sich speziell für den Umzug sinnvolle und sinnlose Sprüche einfallen lassen.

Farbenfrohe Kostüme.

Um den närrischen Bandwurm nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen bedarf es natürlich einer freien Sicht auf das Umzugsgeschehen. Doch als Rollstuhlfahrer in der zweiten Reihe geht das eben nicht mehr, erklärt Franz Kemper am eigens geschaffenen Rolliplatz. Damit das mit der ersten Reihe klappt, dafür sorgt Eric Buraty von der Narrenzunft. Doch die Resonanz auf das Angebot ist verhalten. Fünf Rollifahrer, die überwiegend aus der benachbarten Senioren-WG am Schlossplatz gekommen sind, freuen sich am Angebot, erklärt ihr Begleiter Andreas. Die Zünfte haben es aber sehr wohl registriert, denn die Gutzle und Geschenkeausbeute bei den Rollifahrern ist enorm.

Die Premiere der integrativen Fasnet ist vor allem bei den Gehörlosen sehr gut gelungen. Das Angebot für die Rollifahrer war noch nicht überall bekannt, wie man anhand der vielen Rollstühle zwischen den Zuschauerreihen sehen konnte.

Bericht: Schwäbische Zeitung Lokalausgabe Bad Waldsee 24.02.2020
Text und Fotos: Dietmar Hermanutz

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