Masken sind vom Bann befreit

Spiel am Hexeneck wird in Gebärden übersetzt – Narren übernehmen die Macht

Aulendorf ist in Narrenhand: Mit der mystischen Maskenbeschwörung am Hexeneck und dem anschließenden Sturm aufs Rathaus samt Übernahme der Amtsund Schlüsselgewalt und der närrischen Regierungserklärung ist Aulendorf in die hochnärrischen Tage gestartet. Das traditionelle Spiel am Hexeneck hatte in diesem Jahr einen besonderen Gast. Eine Gebärdensprachdolmetscherin übersetzte das Gesagte für Gehörlose.

Die Kirchturmglocken haben das 19 Uhr-Läuten gerade hinter sich gebracht, da nähern sich die getragenen Laute der Fanfaren. Der Fanfarenzug zieht einmal im Dunkel des frühen Abends über den Platz unterhalb des Schlosses, um den sich die Zuschauer drängen. Den Musikern folgt Burggraf Andreas I (Andreas Herkommer) mit seinem Hofstaat: das Spiel beginnt.

Die Maskenbeschwörung ist ein, wenn nicht gar das Kernstück, in den Traditionselementen der Aulendorfer Fasnet. Unter den Augen der Zuschauer ruft der Burggraf den Maskenmeister herbei, der die Masken vom Bann befreit und damit das närrische Treiben in der Stadt einläutet. Das Schauspiel, das so manchem Fasnetsfreund Tränen der Freude und Rührung in die Augen treibt, lebt dabei auch von dem großen Feuer, um das Eckhexen, dann Tschore und Rätsch, Schnörkele und zuletzt die Fetzle zunächst langsam schleichen und später ausgelassen tanzen.

Gebärdensprachdolmetscherin Elli Schob war bei der Maskenbefreiung am Hexeneck im Einsatz. MIt einer Kollegin wird sie am Sonntag beim Großen Narrensprung erneut dolmetschen. FOTO: DPA/FELIX KÄSTLE

In diesem Jahr war die Geschichte indes erstmals nicht nur zu sehen und aus den Lautsprechern zu hören. Am Rand des Platzes hatte sich vor einem der dortigen Gebäude auf einem kleinen, vom Licht der hohen Lampen angestrahlten Podest Elli Schob eingefunden. Die Gebärdensprachdolmetscherin übersetzte das Schauspiel simultan in Gebärden. Es ist einer der Bausteine, mit dem Stadt und Narrenzunft die Aulendorfer Fasnet für Menschen mit Behinderung zugänglicher machen wollen. Am Hexeneck ließ Schob in schnellen Begegnungen der Hände und Arme die gesprochenen Texte des Spektakels für ein paar gehörlose Besucher, die sich in ihrer Näher versammelt hatten, sichtbar werden. Und so erfuhren auch sie, wie der Maskenmeister der Aufforderung des Burggrafen nachkommt, die Masken zu rufen:

 

Der Maskenmeister entzündet das Feuer und ruft nach und nach die Masken zu sich. Dann löst er ihren Bann. FOTOS: PAULINA STUMM

„Ha, ha, ha, das mach’ ich gern, für meinen Burggraf, meinen Herrn! Gleich nimmt der Zauber seinen Lauf – ich befehl’, Nacht, tu dich auf!“ In schwarzem Umhang und mit spitzem Hut tritt der Maskenmeister (Michael Weißenrieder) auf und entzündet in der Mitte des Platzes ein loderndes Feuer, bevor er nach und nach die Masken mit Beschwörungsformeln zu sich ruft, zuletzt die Fetzle: „Kommt herbei, froh und lustig alles sei!“ Sehr zur Freude des Burggrafen, seines Hofnarrs (Britta Wekenmann) und des Zeremonienmeisters (Jürgen Müller) tummeln sich alsbald zahlreiche Masken in Kreis umdas Feuer. Noch aber ist die Stimmung gedrückt, verhalten. Doch gleich wird es sich wandeln. Es ist der Moment, den nicht nur die Maskenträger sondern auch das Publikum herbeisehnen: „Ihr Masken alle miteinand’ gelöst ist wieder euer Bann!“ Und begleitet vom Klatschen der Zuschauer, dem Rhythmus des Aulendorfer Narrenmarschs und dem sich langsam steigernden Schellen der Glocken und Glöckchen der Narrengewänder bricht sich Freude Bahn und es beginnt der erste Tanz der frisch befreiten Masken.

 

 

 

 

Eckhexen belagern das Schloss, die Bürgerwehr verwehrt den Zugang.

Bürgermeister Matthias I. rückt den Schlüssel der Stadt heraus. FOTO: K. KIESEL

Dabei allein bleibt es indes nicht, denn den Burggrafen reizt die „Macht des Regierens“, und so zieht er in Begleitung der Masken und seines Gefolges sodann zum Sturm aufs Rathaus. Dort allerdings verwehrt die Bürgerwehr den Zugang, denn Bürgermeister und Stadtrat zeigen sich wenig willig, ihren Platz zu räumen. „Der Schultes lässt sagen: er denkt nicht dran, weil er das Regieren viel besser kann“, verlautet es aus dem Schloss. Letztlich aber geben die Mannen der Bürgerwehr der Belagerung durch die Eckhexen nach, bevor noch Narrenblut vergossen wird, und lassen die Narren herein. Alsbald erscheinen sie mit Bürgermeister Matthias I. (Matthias Burth) auf dem Balkon, der die Amts- und Schlüsselgewalt  einschließlich des Narrenrechts unter den Augen der zahlreichen Besucher an den Burggrafen übergibt. Und so bleibt dem Zeremonienmeister die Proklamation: „Von dieser Stund’ an bis Aschermittwoch gilt die Narrenfreiheit in Aulendorf!“  Der Zunftmeister und seine Räte gestalten die Tage, wachen aber auch darüber, „dass nichts Unehrenhaftes und Schlechtes, Anstößiges und Sittenwidriges geschehen wird“. Es folgt die erste Amtshandlung, das Verlesen der närrischen Regierungserklärung.

Bericht: Schwäbische Zeitung Lokalausgabe Bad Waldsee 20.02.2020
Text: Paulina Stumm
Fotos: Paulina Stumm, K. Kiesel, DPA/Felix  Kästle

 

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